Die folgenden Gedanken entstanden beim Verfassen des vorigen Mit-Artikels und aufgrund von Überschneidungen und vielen Berührungspunkten zog ich zuerst in Betracht das hiesige Thema dort mit unterzubringen. Aber offensichtlich entschied ich mich doch dafür es mit genug Einzelaspekten für sich zu betrachten.
Es dürfte sich als logische Schlussfolgerung ergeben, dass mit steigendem Maß an Verständnis die Anzahl der Feindbilder sinkt. Und auch wenn Feindbilder und vor allem gemeinsame Feinde positive Effekte haben können, so heiligt mir der Zweck nicht dieses Mittel. Es gibt auch friedliche und freundliche Alternativen.
Ich bin überzeugt davon, dass die allermeisten Menschen keine Feinde haben. Feinde in dem Sinne, dass ein anderer Mensch, geschweige den eine Institution, als innersten Antrieb das Ziel hat ihnen auf individueller Ebene schaden zu wollen.
Nebeneffekte
Für mich ergeben sich aus Feindbilder anstrengende Situationen und unangenehme Gefühle, die mich keineswegs reizen. Und zu oft sind Feindbilder damit verbunden die eigene Bedeutung und Wirksamkeit zu reduzieren und sich handlungsunfähig zu machen.
Daraus ergibt sich allerdings auch die Attraktivität von Feindbildern. Je mehr Schuld und Verantwortung ich auf etwas außerhalb von mir laden oder projizieren kann, umso weniger bin ich selber genötigt oder in der Pflicht zu tun, zu verändern, um eine Situation zu verbessern. Ich kann wunderbar vor mir selber und vor anderen argumentieren in meiner misslichen Lage gefangen zu sein, weil es jemanden oder etwas gibt, der oder das ein Interesse daran hat, dass dem so ist und zudem noch viel stärker oder mächtiger ist als ich.
Macht wird auch gerne verwendet, um ein Feindbild zu definieren, jedoch funktioniert Macht immer nur durch zwei Parteien, eine die sie ausübt und eine, die sie gewähren lässt. Zudem erlauben wir uns mit dem Deklarieren von Feinden und der Unterstellung von deren Böswilligkeit auch den Einsatz fragwürdiger Mittel.
Warum sind nicht mehr Leute aus Trotz gut?
Elias Canetti
Teufelskreis
Eine weitere Gefahr bei der Ausrichtung der eigenen Handlungen, besonders der eigenen Motivation und des eigenen Antriebs auf Basis von Feindbildern, ist die Abhängigkeit und Notwendigkeit von diesen. Wenn ich mich über meine Feindbilder definiere und deren Bekämpfung zu einem wichtigen Bestandteil meiner Selbst oder sogar zum Lebensinhalt wird, dann kann mein Interesse an deren Erhalt größer werden als das an deren Bekämpfung. Oder erfordert, dass ich nach meinem Sieg ein neues Feindbild brauche, da meine bis dahin erlernten und angelegten Strukturen leichter mit weiteren Feindschaften zurecht kommen als mit der Beschäftigung mit Freundschaften bzw. Kooperationen.
Dieser Effekt wird hin und wieder einzelnen Organisationen und Verbänden nachgesagt, die sich gezielt zur Bekämpfung eines Sachverhaltes gebildet haben und deren Existenz nun stark darauf basiert. Ich glaube, dass es nicht die Regel ist zu Beginn einer Kampagne einen Plan dafür aufzustellen, wie die eigene Armee aufgebaut und finanziert wird, wann das Ziel als erreicht gilt und wie die anschließende Entmilitarisierung aussieht. Stattdessen entstehen verschieden große Unternehmen, die all ihre Angestellten weiter bezahlen wollen und somit Gründe finden müssen, weiter Geld zu generieren.
Dafür sein
Auch hier kann ich wieder ein altes und bekanntes Zitat hervor kramen: “Ich gehe nicht auf eine Demo gegen den Krieg, aber ich mache mit bei einer für den Frieden.” Es ist entscheidend sich für etwas einzusetzen, anstatt gegen etwas. Etwas zu schaffen, statt etwas zu zerstören. Das erhöht auch die Chance des beiläufigen Erhaltens eines wünschten Zustandes und verringert die Annahme, dass bestimmte Dinge selbstverständlich seien.
Und es geht eben auch um Visionen und Selbstermächtigung. Um Aktion statt Reaktion. Um die Notwendigkeit kreativ und innovativ zu werden. Wir wissen alle was wir nicht wollen und wir hören auch von anderen eher Aussagen darüber, was sie nicht wollen. Die Abgrenzung und Ablehnung ist leicht. So leicht, dass sie als Ersatz dafür hergenommen wird keine Träume und Vorstellungen und Klarheit darüber zu haben, wohin wir uns ausrichten.
Bei sich bleiben
Der Alltag scheint eher davon geprägt zu sein, sich wie im Sandkasten zu verhalten “Der hat aber angefangen.” oder wie in der großen Weltpolitik ein Wettrüsten zu fahren. All die Energie und der Aufwand, der in die Abwehr von Feinden oder gar in deren Bekämpfung und Vernichtung gesteckt wird, sehe ich besser in die eigenen Resilienz und Integrität investiert, also den Fähigkeiten durch äußere Einflüsse nicht zu hart getroffen werden zu können und wenn doch sich schnell davon erholen zu können und ungeachtet dessen bei den eigenen Idealen, Prinzipien und Vorstellungen von dem was gut und richtig ist zu bleiben.
Keine Feinde zu haben heißt für mich nicht, dass alle anderen Menschen im ursprünglichen Sinne deshalb meine Freunde sind. Aber ich versuche mit allen Menschen zumindest auf neutrale Weise, freundlich und höflich, rücksichtsvoll und nachsichtig umzugehen. Mich auf keinen Fall von deren Verhalten anstecken und beeinflussen zu lassen, sondern meiner Vorstellung von anständigen Umgangsformen treu zu bleiben, mit Achtung und Respekt mit ihnen umzugehen.
Behandle alle Menschen ein ganz klein wenig besser als sie es verdienen;
so entwaffnest du sie am leichtesten.
Frei nach Dorothea Schlegel