Ohne Schuhe

Kategorien Ohne, veröffentlicht am Mittwoch, 14. März 2018, letzte Änderung: Dienstag, 5. Juni 2018

Das Augenscheinlichste, ohne das ich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben gehe, ist Schuhwerk jeder Art. Zwar habe ich für bestimmte Situation noch Sandalen, aber in der Regel laufe ich unabhängig von Wetter und Tageszeit und Ort barfuß durch die Gegend. Ich will nicht darauf hinaus, dass Schuhe ein No-Go sind, sondern nur dieses Wortspiel unterbringen. Und bevor ihr einen Fuß in diesen Text wagt, seid gewarnt, dass es weitere Wortspiele geben wird.

Es amüsiert mich immer noch, wie oft Menschen darauf reagieren, dass ich ohne Schuhe unterwegs bin. Zu sehen, wie sie auffällig lang staunen, meist erheitert, und zu hören, wie sie sich zu Kommentaren hinreißen lassen. Entweder direkt mir gegenüber so etwas banales wie “Ohne Schuhe?” oder untereinander “Haste gesehen? Der hat keine Schuhe an!” In diversen Sprachen.

Und ich wundere mich immer noch, da ich von mir behaupte nicht auf die Füße anderer Leute zu schauen und meine, dass mir das gar nicht auffallen würde, ob und welche Schuhe jemand trägt.

Wann und warum habe ich Fuß gefasst
Angefangen habe ich damit irgendwann in Münster, also entweder im Sommer 2010 oder 2011. Zwar bin ich zu Hause schon sehr lange ohne Hausschuhe oder ähnliches ausgekommen, aber barfuß nach draußen habe ich mich zu Beginn nur gewagt, wenn es warm und trocken war.

Ich erinnere mich noch an Spaziergänge entlang des Kanals, was eine ziemlich harmlose und somit einladende Übungsfläche war. Was allerdings Auslöser für meine Entscheidung war, kommt mir nicht mehr in den Sinn. Es gab in der Zeit eine einzige, zufällige Begegnung mit einem langjährigen Barfußläufer, aber ob die vor meinem Entschluss stattfand oder im Anschluss, weiß ich nicht mehr.

Ob es damals schon die heute trendigen Barfußschuhe gab, weiß ich nicht; mir waren sie nicht bekannt und ich kann auch nicht abschätzen, ob ich sie genutzt hätte. Denn mir ging es nicht nur um den Bodenkontakt als solchen und die veränderte Körperbelastung, sondern auch die Befreiung des Fußes. Ich kann mir zumindest heute nicht vorstellen, mich in so einen Gummischuh – oder aus welchem Material sie auch immer sein mögen – zu zwängen.

Und tatsächlich habe ich von der gerade erwähnten Auswirkung des Barfußgehens bzw. des Schuhetragens auf den Bewegungsapparat, das Skelett und die Muskulatur erst später erfahren. Dass der Mensch barfuß erst mit den Fußballen auftritt und mit Schuhsohlen dazu neigt die Verse zuerst aufzusetzen. Das führt zu anderen Belastungen und zu einer anderen Haltung. Es mag auch sein, dass diese andere Haltung auffällig ist und dazu führt, dass andere Leute feststellen, dass ich schuhfrei unterwegs bin.

Ich glaube der Antrieb kam damals aus einer verträumten Vorstellung naturverbundener und freier zu sein. Leichtfüßiger.

Abgelaufen und ausgelatscht
Als ich im Januar 2012 aus Münster los zog, mit dem Ziel Deutschland zu verlassen und dabei teils zu marschieren und teils per Anhalter zu reisen, da war ich noch mit drei Paar Schuhen unterwegs. (Ich hatte ja noch nicht genug zu schleppen.) Es war logischerweise auch der Jahreszeit geschuldet, dass ich in dicken Wanderstiefeln unterwegs war. Irgendwann mal für einen Wanderurlaub gekauft und darauf geachtet, dass sie vegan und in Europa hergestellt wurden, aber nur selten genutzt. Ich meine, dass ich sie noch im selben Jahr, zu Beginn des Sommers, in den französischen Pyrenäen zurückgelassen habe. Auch aufgrund mangelnder Qualität: die Sohlen waren gebrochen.

Zwar boten die Plätze, an denen ich war, einen Boden, auf dem ich leicht barfuß schreiten konnte, aber für das Reisen trug ich noch meine einfachen, geschlossenen Schuhe, jedoch bereits meist ohne Socken oder Strümpfe. Und als diese auseinander zu fallen drohten, entschloss ich mich nochmals neues Schuhwerk zu kaufen, dieses Mal allerdings Sandalen, da ich bereits entschieden hatte mich nur noch dort aufzuhalten, wo ich wärmeres nicht bräuchte.

Inzwischen überwog aber bereits die Zeit, die ich barfuß umher ging und ich hatte mich mehr und mehr daran gewöhnt. Es wurde zum Wohlgefühl, so dass ich meine neuen Sandalen auch kaum einsetzte. Sie waren ein Fehlkauf, weil sie zu klobig und eher für den Innengebrauch ausgelegt sind, also mit flacher, profilarmer Sohle. Mangels Wissens und Bemühungen um alternative Angebote fand ich damals nichts gescheiteres.

Nachdem ich im Sommer 2014 ein praktikableres Paar Sandalen geschenkt bekommen habe, Second-Foot-Ware sozusagen, habe ich das andere Paar eingelagert. Und dieses bereits von anderen Füßen getragene Paar ist immer noch intakt und erweist mir hin und wieder gute Dienste.

Meine Second-Foot-Sandalen
Auch eine Art in die Fußstapfen anderer zu treten: gebrauchtes Schuhwerk.

Wie fußt mein Alltag
An den Orten, an denen ich derzeit lebe, gibt es nur wenige Situationen, zu denen ich meine Sandalen trage. Zum Beispiel auf dem Weg vom Waschplatz zum Bett, wenn der Boden durch Regen matschig ist. Bei trockener Wetterlage nutze ich ein altes Handtuch oder sonstiges ausrangiertes Stück Textil um mir die Füße abzuputzen, bevor ich sie unter die Decke stecke. Besonders, wenn ich meinen Schlafsack verwende, stecke ich meine Füße, um ihn zu schonen, zuerst in einen Stoffbeutel, so einen wie sie für Einkäufe verwendet werden. Das funktioniert ganz gut.

Ich ziehe meine Sandalen auch an, wenn ich bei delikatem Untergrund mit einer Aktivität etwas schneller voran kommen möchte und meine Aufmerksamkeit stärker auf etwas anderes richten möchte als darauf, wo ich hintrete. Denn hier und da kämpfe ich auch mit dornigem oder stachligem Gewächs oder trage schwere Sachen über scharfkantige oder spitze Steinchen.

Für einen Höhlenausbau habe ich mir auch Arbeitsschuhe mit Stahlkappen kaufen lassen und diese benutzt. Es wäre leichtsinnig und unsinnig gewesen mit ungeschützten Füßen in den Fels zu graben und diesen über mir herauszuschlagen, wobei ich auch einen Helm trug. Leider gibt es kein Bild, das das besser dokumentiert als dieses:

Jan schlägt sich in den Fels
Steinbruch? Nein Weinbruch… äh… Weinkeller.

Kälte ist selten ein Problem. So wie ich wenig an den Händen friere, friere ich auch wenig an den Füßen. Da muss schon Kälte und Feuchtigkeit zusammenkommen. Aus Reaktionen anderer und eigener Wahrnehmung stelle ich fest, dass die meisten einen falschen Eindruck von der Bodentemperatur haben, denn der ist selten so kalt wie die Luft. Hitze ist eher ein Problem. Also das Spazieren auf Asphalt in der Mittagssonne vermeide ich.

Kalte Füße halte ich auch für ein durch Fußbekleidung verursachtes Problem. Der Körper stellt sich darauf ein sie angemessen zu durchbluten, wenn ihre Nacktheit die Regel ist. Vor allem, wenn die Umgebung meist sowieso ausreichend warm ist.

Komischerweise herrscht vereinzelt auch die Vorstellung, dass meine Füße durch den ständigen Kontakt mit dem, was allgemein hin als Dreck bezeichnet wird, stinken würden. Mal davon abgesehen, dass ich sie täglich mindestens einmal wasche, werden sie ja ständig durch den Bodenkontakt behandelt, gerieben, poliert, geschrubbt, je nachdem. Und Schweiß tritt nie auf. Sie sind ja immer belüftet. Sie duften nach Erde und Gras!

Ich brauche meine Schuhe auch für so manche Interaktion mit der Zivilisation. Es gibt Geschäfte, Supermärkte, Fähren und selbst Strandpromenaden, für die das Tragen von Schuhen gefordert wird. Und seien es lausige Flipflops. (Kennt ihr übrigens den schon, wo der Typ mit zwei linken Füßen in ein Schuhgeschäft geht und sagt “Ich hätte gerne eine Paar Flipflips”? Ok, Spaß beiseite.) Ich gehe da keine Diskussionen ein, da es eh nicht um den Austausch von Argumenten geht und der Hausherr letztendlich entscheiden kann. Es sind ja auch meist irgendwelche Angestellten, die eh nur irgendwelche Anweisungen befolgen oder weitergeben. Häufig wird vordergründig mein Schutz genannt. Ich könnte ja irgendwo rein treten. Manchmal ist einfach die Grenze, dass keine leicht oder wenig bekleideten Leute in den Läden für Verwirrung sorgen sollen, bereits bei den Schuhen gezogen. Ich glaube es geht letztendlich darum möglichst jede Abweichung von der Normalität zu vermeiden, um jegliche, potentielle Störung der gewöhnlichen Abläufe auszuschließen.

Wir stecken nicht in den Schuhen anderer
Zu den Bedenken des gewöhnlichen Schuhträgers gehört natürlich die Angst vor all den Dingen, in die wir hinein treten können. Bislang habe ich mich in der Hinsicht gut geschlagen. Bestimmt wird mein Blick anfangs oft auf den Boden gerichtet gewesen sein, inzwischen scheine ich unbewusst und aus dem Winkel die Fläche vor mir zu prüfen. Zumindest fällt es mir selber nicht mehr auf und dennoch haben sich meine Fehltritte nicht vermehrt. Ich behaupte, dass ich mehr darauf acht gebe, wohin ich trete. Witzigerweise läuft der gewöhnliche Mensch ja gerade dort bevorzugt barfuß, wo es aufgrund fehlender … was ist das richtige Wort? Einsicht? Übersicht? … gefährlich ist: am Strand. Wer sieht schon, was sich da alles im Sand vor einem verbergen mag.

Abgesehen davon ist es tatsächlich ein grundsätzliches, nachweisbares Phänomen, dass wir mit jeder zusätzlichen, vermeintlichen wie tatsächlichen Sicherheit oder Absicherung leichtsinniger, leichtfertiger und unachtsamer werden. Je mehr wir uns geschützt und gesichert fühlen, je riskanter handeln wir und umso weniger passen wir auf. Jede Schutzschicht, die wir entfernen, führt also dazu, dass wir mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit benötigen, um die Gefahren für uns nicht zu erhöhen. Mir kommt es so vor, dass durch das bewusste Weglassen einer Schutzschicht sogar Risiko minimiert wird. Denn die stattdessen antrainierte Vorsicht ist eine, die vorher auf jeden Fall schwächer, oft aber auch gar nicht ausgeprägt war. Es geht eben nicht darum den Schadensfall abzumildern, sondern ihn gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Dieser Vorgang ist von außen nicht sichtbar und wird in der Regel nicht angenommen. Ein anderes, generelles Phänomen, das ich beobachte und das sich auch am Barfuß-Beispiel zeigt, ist die Annahme und Unterstellung, dass abweichendes Verhalten eher unbedacht und naiv erfolgt. Ich habe mir nach und nach das Barfußgehen angeeignet, Erfahrungen gesammelt und gelernt, wie ich damit in meiner Welt zurecht komme. Es hat eine Weile gedauert. Schritt für Schritt bin ich schneller und sicherer geworden. Ich weiß, was ich mir zutrauen kann, wo meine Grenzen sind und wie ich verschiedenen Situationen meistern kann. Es ist bestimmt meist gut gemeinte Sorge, jedoch neigen – in diesem Fall – Schuhträger, die in den meisten Fällen keinerlei ernsthafte Erfahrung ohne Schuhwerk haben, dazu mir Ratschläge geben zu müssen. Ratschläge, die aus Angst und Annahmen und Hörensagen kommen. Wir gehen selten davon aus, dass andere wissen, was sie sich zutrauen können und unterstellen unbedachtes Vorgehen statt nach den Fähigkeiten zu fragen.

Mit beiden Füßen aufm Boden
Ich bin mir über die Unmittelbarkeit bewusst und habe mich über die Zeit darauf eingerichtet. Das Harmloseste wäre noch in einen Hundehaufen zu treten, wobei ich selbst das barfuß für angenehmer halte als mit Schuhen. So ein nackter Fuß ist schneller gereinigt als eine Sohle mit Profil.

Klar verletzte ich mich auch mal, weil ich nicht Acht gebe oder die Füße nicht richtig hebe und irgendwo gegen stoße oder entlang reibe, aber das wäre kein Grund für mich deshalb Schuhe zu tragen. Es kommt auch vor, dass ich in Dornen oder Stacheln trete, aber meine Reaktionen sind so schnell, dass ich innehalte statt aufzutreten. Ich konnte also bislang verhindern, dass sich irgendetwas tief in meine Füße bohrte und kritische Verletzungen verursachte. Meist kann ich alles folgenlos herausziehen, selten kommt ein Bluttropfen hervor.

Wir tragen auch nicht den ganzen Tag und bei jeder Tätigkeit Handschuhe, obwohl wir uns alle schon bei diversen Dingen an den Händen und Fingern verletzt haben. Ein Schuh muss bei jeder Beschädigung repariert werden, sonst wird er minderwertiger bzw. wird trotz Ausbesserung nicht mehr so gut wie vorher. Die Haut heilt und ist anschließend mindestens genauso robust, wenn nicht sogar stärker.

Und damit wäre ich beim Thema wie sich die Haut unter meinen Füßen verändert hat. Die meisten sind wie ich selber verwundert, dass der Unterschied nicht so deutlich ist. Ja, etwas dicker ist meine Fußsohle wohl geworden. Ich bin dennoch inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass es weniger die Haut ist, die es ausmacht, dass ich unbekümmert über Schotter laufen kann während eine ungeübte Person schmerzverzerrt herum stelzt. Denn so unangenehm einem bestimmte Untergründe auch sind, die Füße sind anschließend nicht verletzt. Viel mehr sind es die Sinneseindrücke, die ungewohnt sind. Bekanntlich verlaufen und enden viele Nervenbahnen unter den Fußsohlen und wann werden die schon mal gereizt oder etwas sanfter formuliert auch nur stimuliert, wenn wir sie in Socken und auf weiche Sohlen packen? Ein Schritt über steinigen Boden bietet so viele Kontaktpunkte, die alle zu ungewohnten Nervenimpulsen führen. Diese sind für mich inzwischen zur Normalität geworden. Sie gehen als stetiges Rauschen unter und werden nicht mehr als etwas Ungewöhnliches bewertet.

Für mich sind inzwischen die Irritationen, die durch Schuhe an meinen Füßen verursacht werden, unangenehm. Ich fühle mich selbst in Sandalen nicht wohl und scheure mir bereits nach kurzer Nutzung die Haut an den Kontaktstellen mit den Riemen auf. Es ist natürlich nicht besonders angenehm über harten Boden wie Beton und Asphalt zu laufen oder auch über merkwürdige scharfkantige Bodenplatten auf Bürgersteigen und so wäge ich immer wieder ab, auch abhängig von der Dauer und Strecke, ob ich die Sandalen anlege oder nicht.

Ich fühle mich bei vielen Aktivitäten barfuß sicherer als mit Schuhen. Ich habe einen unmittelbaren und direkten Kontakt zum Boden, mehr Flexibilität und Halt. Zwar nehme ich meine Sandalen in ungewisse Situationen häufig mit, um auf sie zurückgreifen zu können und mehr Möglichkeiten zu haben; in den meisten Fällen benötige ich sie aber nicht.

Gleichzeitig finde ich es komisch – in jedem Sinn des Wortes – dass die Leute dazu neigen sich umso technischer zu kleiden je direkter der bevorstehende Naturkontakt ist. Kaum etwas ist angenehmer als barfuß durch Wald und über Wiesen zu laufen, aber stattdessen wird dickstes Hightech-Schuhwerk ausgepackt, das eine zentimeterdicke Schicht zwischen Fußsohle und Boden legt und dafür sorgt, dass in jedem Fußstapfen nichts mehr wächst.

Zu Fuß
Unklar ist mir, welche Assoziationen mein Anblick auslöst. Anfangs hielt ich es zum Beispiel für sinnvoll, wenn ich beim Reisen per Anhalter auf Leute zugehe und diese anspreche, lieber so normal wie möglich zu wirken und deshalb dabei Schuhe zu tragen. Aber es gab den Moment, in dem ich mir dachte, dass ich weder in der Dringlichkeit noch Notwendigkeit bin jedem gefallen zu müssen und es mir reicht, wenn mir diejenigen weiterhelfen, die mit mir klarkommen, so wie ich sein möchte. Und außerdem bin ich ja ansonsten recht gewöhnlich gekleidet, sauber und gepflegt, auch wenn meine nackten Füße keine Pediküre erfahren.

Mir geht es barfuß jedenfalls sehr gut!

Nachtrag: Hier der Bericht über eine Studie von 2018 zum gesundheitlichen Effekt des Barfußgehens.

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