Ohne Floskeln

Kategorien Ohne, veröffentlicht am Dienstag, 12. Juni 2018, letzte Änderung: Freitag, 10. August 2018

Es gibt keinen konkreten Anlass mich diesem Thema zu widmen und ich weiß noch nicht, wie ergiebig es ist. Keine Ahnung, was den Gedanken hervor gebracht hat. Es könnte auch ein Teilaspekt von Ritualen oder Sprache und Kommunikation im Allgemeinen sein. Ich werde das Thema beim Schreiben entdecken.

Vor allem bin ich gespannt, ob ich auf Floskeln stoße, die ich selber nutze, vielleicht sogar beim Schreiben. Denn eine ihrer Eigenarten ist die unbewusste Nutzung, die Gewohnheit. Und das ist glaube ich für mich auch der Störfaktor. Wenn Leute bestimmte Formulierungen und Ausdrucksweisen exzessiv und reflexartig nutzen, sobald sich die Gelegenheit bietet.

Dabei steckt hinter den Floskeln, die mir als erstes einfallen, eine freundliche Absicht und der Ausdruck von Höflichkeit: “Gesundheit!”, “Lass es dir schmecken!” und “Grüß schön!”.

Der Mensch macht gern Geräusche

Ich verwende aus unterschiedlichen Gründen keine davon. Die Reaktion auf das Niesen hatte ich als erstes verworfen, schon vor Jahren, noch als Jugendlicher. Es war wahrscheinlich ein Radiobeitrag, in dem es damals schon hieß, dass der Knigge bereits seit Jahren empfiehlt das Niesen anderer zu ignorieren. Ich erinnere mich, dass es damit erklärt wurde, dass zum einen durch das Zunehmen von Allergien viel häufiger zu Niesvorfällen gekommen sei und sich somit eine unangenehme Häufung von Interaktionen wie “Hatschi!” – “Gesundheit!” – “Danke!” kommen würde.

Die Tatsache sein Umfeld durch das Niesen zu stören, würde durch das nötige Äußern der Dankbarkeit auf den Gesundheitswunsch den Niesenden in eine noch unkomfortablere Situation bringen. Das leuchtete mir irgendwie ein und passte für mein Empfinden. Auch auf die Gefahr hin für unhöflich gehalten zu werden, hatte ich von da an jegliches Niesen meiner Mitmenschen kommentarlos ignoriert. So wie ich es auch heute noch bei sonstigen unfreiwilligen Körpergeräuschen wie Husten, Furzen, Aufstoßen und was es sonst noch geben kann tue.

Sie entziehen sich unserer Kontrolle und haben alle das Potential die aktuelle Situation unterbrechen, zumindest kurz stören zu können, wodurch wir peinlich berührt sind. Ich behaupte, dass es mir gut gelingt auf keins dieser Phänomene einzugehen und versuche auch deutlich zu machen, dass es mir egal ist, wenn der Betroffene dazu Stellung nehmen will. Passiert uns alle halt hin und wieder mal.

Guten Appetit

Oder in der schlimmste Variante aus dem deutschen Arbeitsplatzumfeld: “Mahlzeit!” Wobei ich “Lass es dir schmecken!” ebenso unsinnig finde. Was denn sonst? Ich esse doch nur was mir schmeckt. Ich finde einfach keinen Zugang dazu, warum der Vorgang der Nahrungsaufnahme in der Art kommentiert wird. Und auf was genau bezieht sich dann meine Dankbarkeit, die das Ritual erfordert?

Natürlich ist von dort der Weg nicht weit zu den übrigen Glückwünschen. Auch ich wünsche einen guten Morgen, einen guten Tag und eine gute Nacht bzw. “Schlaf gut!”. Oder eine gute Reise, viel Vergnügen oder gutes Gelingen. Und für all diese Fälle lässt sich annehmen, dass sie die logischen Reaktionen sind. Warum sollten wir den Menschen, denen wir gegenüber diese Wünsche aussprechen etwas anderes als Gutes wollen.

Da zeigt sich der Sinn von Floskeln als kleine sprachliche Bausteine im freundlichen Umgang miteinander, als Bestätigung und Rückmeldung. Formulierung wie “Guten Morgen!” und “Gute Nacht!” sind eher Gruß- bzw. Verabschiedungssignale als Glückwünsche.

Die Herausforderung für mich liegt im Erkennen und Aufbrechen von Floskeln. Am Bewusstesten wird mir das, glaube ich, bei Geburtstagen. Ich bemühe mich darum die gängigen Worte durch konkretere Wünsche und Hoffnungen zu ersetzen oder ergänzen.

Dankverweigerung

Aus der Selbstbeobachtung habe ich den Eindruck, dass Floskeln bzw. die mit ihnen verbundenen Rituale eine reflexartige Abwicklung von zwischenmenschlichen Abläufen bewirken und das Innehalten fehlt. Mir ist das häufig beim Reisen per Anhalter bewusst geworden, wenn ich mich mit einem “Danke!” oder auch “Vielen Dank!” oder einer Abwandlung davon verabschiede.

Danken ist ein schwieriger Vorgang und das Annehmen von Dank nicht leichter. Wie schnell ist nach einer Tat oder Leistung Danke gesagt und der Vorgang damit abgeschlossen. Und oft lässt sich das eben auch durch die Reaktion erkennen, die nicht nur im Deutschen mit “Nicht dafür!” oder “Keine Ursache!” klein gemacht wird. Mal davon abgesehen, dass trotz dieser gesagten Dankverweigerung eine Verstimmung eintritt, wenn das Danksagen ausbleibt.

Ebenso häufig wird ein Dank auch mit einem Gegendank beantwortet, um nicht zu sagen abgeschmettert. Obwohl der Dank ja für eine wie auch immer geartet Leistung des anderen geäußert wird, scheint ein Gefühl von Schuldigkeit einzutreten, das immer seltener in einem “Gern geschehen!” oder “Bitte sehr”! endet, sondern in einem “Danke ebenfalls!” oder “Ich habe zu danken!”

Und da denke ich können wir auf beiden Seiten inne halten und kreativer werden. Uns klar machen, wofür wir dankbar sind. Welche Handlung des anderen hat uns in welcher Weise geholfen oder einen Vorteil gebracht. Worauf konkret bezieht sich unsere Dankbarkeit? So kann ich als Bedankter auch leichter die Konsequenz meiner Tat einordnen und die Dankbarkeit ohne weitere Notwendigkeit nach Ausgleich annehmen.

Nachtrag: Bei meinen jüngsten Erlebnissen während des Trampens ist mir eine weitere Reflexhaftigkeit beim Danksagen erneut begegnet. Und zwar kommt es gelegentlich vor, dass meine Frage an Autofahrer, ob sie mich mitnehmen würden mit “Neindanke.” beantwortet wird. So wie ich es geschrieben habe, als ein Wort geäußert. Eine kurze, unüberlegte Erwiderung.

Danken lernen

Nachtrag: Bevor das Danken zur Floskel wird, lernen wir es aber als Pflicht. Eine meiner ständigen Beobachtungen ist die Frage von Eltern an ihre beschenkten Kinder: “Was sagt man?”, woraufhin diese dann oft beschämt und beiläufig danke sagen. Davon abgesehen, dass der Vorgang bereits zu dem Zeitpunkt ritualisiert wird, um gesellschaftskonform zu sein, bin ich grundsätzlich dafür durch vorleben und vormachen und nicht durch vorschreiben oder vorsagen Verhalten zu vermitteln. Außerdem finde ich, dass einem beschenktem Kind die Dankbarkeit in der Regel anzusehen ist. Das Gefühl der Freude lässt das Anwenden der Formeln vergessen. Mein Vorschlag wäre also verstärkt darauf zu achten selber bewusster zu danken und gegebenenfalls zu erinnern und zu motivieren. Ich würde ein Kind, das ein Geschenk entgegen nimmt, sich diesem direkt zuwendet und den Schenkenden nicht mehr beachtet, noch in dessen Gegenwart fragen, ob es sich über das Geschenk freut und ob und warum es dankbar dafür ist. Wahrscheinlich wird es diese Fragen bejahen, was dem Schenkenden genügen sollte. Im besten Fall führen diese Fragen dazu, dass sich das Kind nochmals auch mit Dankesworten an die Person richtet.

Und grüßt mir alle, die das nicht lesen

Das Ausrichten von Grüßen ist für mich die letzte Schwierigkeit, die mir in diesem Zusammenhang einfällt. Auch da gelingt es mir nicht die Absicht zu erkennen. Warum lasse ich jemanden über eine dritte Person grüßen? Vor allem, da es ja gefühlt immer nur aus einer Verlegenheit heraus erfolgt, die nichts anderes als Höflichkeitsritual und gelerntem Verhalten ausstrahlt.

Entweder ich bin interessiert und kontaktiere jemanden direkt oder ich lasse es. Auch hier fühle ich mich in der komischen Situation zum einen nicht zu wissen, wem das auch da wieder reflexartig geäußerte “Danke!” gilt. Dem Grüßenden oder dem Überbringen? Und warum ist die typische Anschlussreaktion dann “Grüße zurück!”

Enteisen

Nachdem ich nun einmal wieder das Bild vom rationalen und nüchternen Jan präsentiert haben dürfte, der alles gefühlskalt betrachtet, noch ein paar warme Worte zum Schluss. Es geht mir wie so oft darum eigene und allgemeine Verhaltensweise und Muster zu erkennen und aufzubrechen, um sie auf diese Weise zu hinterfragen und neu zu bewerten. Dabei muss nicht zwangsläufig eine neue Schlussfolgerung heraus kommen, aber es schadet nicht von Zeit zu Zeit die Dinge zu prüfen, ob sie noch passen und stimmen.

Und gerade dort wo sich etwas immer wiederholt und beiläufig wird, vermute ich verstecktes Potential. Wir sollten nicht aufhören Nettigkeiten und Glückwünsche auszutauschen, aber diesen Äußerung mehr Substanz und Individualität geben. Die Gleichgültigkeit und Beliebigkeit von Floskeln kreativ durch konkrete Wertschätzung und Anteilnahme ausdrücken.

Interessant ist wie so oft der Blick aus einem anderen Sprachraum. Ich übersetze zwar die wenigsten meiner Texte, aber zumindest den Titel und einen kurzen Erklärungssatz versuche ich in jeder der drei anderen Sprachen zu verfassen. Und bei der Suche nach passenden Entsprechungen für das Wort Floskel, zeigen sich interessante Deutung. So wird mir zum einen angeboten, dass es sich um leere Sätze oder Ausdrücke handelt und auch im Deutschen sprechen wir im Zusammenhang mit Floskeln von hohlen Phrasen. Aber auch Variante wie Formeln der Höflichkeit oder die ebenfalls im Deutschen bekannten blumigen Worte machen den Sinn und Zweck deutlich.

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3 Kommentare zu „Ohne Floskeln“

    1. Mir fällt das oft in ähnlichen Situationen auf. Also wenn ich Leute für sie unerwartet anspreche. Sie haben gerade etwas anderes vor, sind in Gedanken und haben es vielleicht auch noch eilig oder fühlen sich unwohl spontan von Fremden angesprochen zu werden. Dann läuft das automatische Programm zum höflichen Beantworten einer Frage ab, die für sie ohne weitere Konsequenzen bleiben soll. Könnte ich mir natürlich zu nutze machen und meine Fragen so formulieren, dass ein Nein einen positiven Effekt für mich hat: “Wollen Sie mich hier etwas stehen lassen und nicht mitnehmen?” Gut, neindanke ergibt dann auch nicht wirklich einen Sinn, erhöht aber die Verwirrung.

      Unterwegs war mir noch eine Floskel aufgefallen, die ich hier unterbringen wollte, aber gerade habe ich vergessen, was es war und notiert habe ich auch nichts. Wird schon wieder auftauchen…

  1. “Nicht dafür” gefolgt auf eine Danke, ist auch eine wirklich seltsame Floskel. Dieses “nicht dafür” wertet (m)einen Dank ab, so empfinde ich es. Oder, mehr als je zu vor hört man “alles gut”. “Alles gut” auf ein “Entschuldigung (fürs anrempeln), “Alles gut” folgt fast auf jede Form des Bedauerns und der Entschuldigung. Schräglich!

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